STOPPT SCHILL


Altersvorsorge à la Berlusconi


(Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.02.2003):

Per Fernbedienung

Familiär: In Berlusconis Italien hat die Zweitlaufbahn Methode

Was wäre, ließe man Bundeskanzler Schröder die Berliner Philharmoniker dirigieren, erhöbe Altkanzler Kohl zum Intendanten des Staatstheaters Karlsruhe, beriefe Münchens Oberbürgermeister nach der Amtszeit zum Präsidenten des Max-Planck-Instituts und jenen von Berlin zum Generaldirektor auf der Museumsinsel? Abwegig? O nein. Abgehalfterte Funktionäre, ehemalige Abgeordnete und erfolglose Konzernchefs werden oft mit gutdotierten Posten getröstet. So haben sie keinen Ärger und machen keinen. In Frankreich brillieren mehr Intellektuelle in Politik und Diplomatie als hierzulande, sie haben die Kapazität für eine literarische Zweitlaufbahn. In Italien wiederum verläuft die Fernsehkarriere so nahe an der politischen, dass der blitzschnelle Schritt von der einen zur anderen winzig ist.
Unter dem Ministerpräsidenten Berlusconi, für den es keinen Interessenkonflikt zwischen seinen unternehmerischen und politischen Tätigkeiten, zwischen seiner Rolle als Angeklagter in Strafprozessen und als Gesetzgeber gibt, ist Fernsehpolitik längst ununterscheidbar politisches Fernsehen geworden und umgekehrt. In der Massenkultur der Massenmedien spielt das Fernsehen die Schlüsselrolle. Aber auch die Zuliefererindustrie zählt, vom Fußball zum Popkonzert, von der Theaterkomödie zum Filmfestival.
Logisch, dass Anstrengungen, Schlüsselstellen zu besetzen, auch auf die Vorposten der Telekratie zielen. Mailand, unheimliche Hauptstadt Italiens, weist den Strategien der Medienmacht den Weg in die Zukunft. Das traditionsreiche Teatro Lirico, wo - lang ist's her - Strehler Brecht inszenierte und Straßenschlachten die Uraufführung von Luigi Nonos "Al gran sole carico d'amore" begleiteten, war jahrelang zugesperrt und wird jetzt als privates Theater wiedereröffnet. Der Unternehmer Gianmario Longoni bekam den Zuschlag, es fünfzehn Jahre zu betreiben, und hat einen Senator des "Polo delle libertà", den in zwei Prozessen wegen gravierender Tatbestände Angeklagte Marcello Dell'Utri, Anwalt und Freund Berlusconis, als künstlerischen Direktor des Theaters nominiert.
Carlo Tognoli, früher Bürgermeister Mailands in den korrupten Zeiten Craxis, soll am 11. Februar als neuer Präsident des Museums der Wissenschaft und Technik bestätigt werden. Von seinen wissenschaftlichen Leistungen ist nichts bekannt; seine Beziehungen zur Technik reichen wenig über die Fernbedienung des Fernsehers hinaus. Aus Berlusconis Mediaset kommt Davide Rampello, der dem verstorbenen Architekturtriennale-Präsidenten Morello folgen soll. Durch besonderes Architekturverständnis stach er nicht hervor. Der Präsident der Mediaset, Fedele Confalieri, der Getreuesten einer um Berlusconi, sitzt im Verwaltungsrat der Scala und des Philharmonischen Orchesters. Das Teatro Manzoni gehört einer Untergesellschaft der Fininvest.
Auch aus dem Mondadori-Verlag, dem italienischen Bertelsmann, kommt frohe Kunde. Vergangnen Mittwoch wurde an die Stelle des vor zwei Monaten verstorbenen Leonardo Mondadori, eines der großen Verleger Italiens, Marina Berlusconi gewählt, sechsunddreißig Jahre alt, Tochter des Ministerpräsidenten und bisher Vizepräsidentin der Fininvest. Italien ist nach der Verfassung eine Republik. In Wahrheit: ein Land, wo am meisten die Familie gilt. Nur notorische Nörgler kann das stören.
Dietmar Polaczek


zurück